boda
boda is a dangerous man
Wie Diebe und Schmuggler eine
Fahrradkultur begründeten
Kakooza Katongele steht
regelmässig vor Sonnenaufgang auf, ist um 7 Uhr am Arbeitsplatz
und verdient an guten Tagen 4 - 5 DM. "Um im Business erfogreich
zu bleiben", sagt er"musst du auf dein Äusseres
achten und du brauchst ein stabiles indisches oder chinesisches
Fahrrad."Was Kakooza ausserdem braucht, ist Beinmuskulatur
und eine überdurchschnittliche Kalorienzufuhr, Er ist einer
von 1500 registrierten boda-boda-Fahrradtaxifahrern in der zweitgrössten
ugandischen Stadt Jinja am Victoriasee in Ostafrika.
Fahrradtaxis ersetzen hier die Strassenbahn
und werden rege in Anspruch genommen, um für 30 Pfennig von
einem Punkt der Stadt zum anderen zu kommen. Eine Gangschaltung
konnte sich Kakooza noch nicht leisten. Stattdessen ist sein "Phoenix"
mit zwei Rückspiegeln, Fussrasten und einem robusten Gepäckträger
mit Sitzpolster ausgestattet. Für 50 - 80 Pfennig bringt
er seine Passagiere auf dem Rücksitz in die umliegenden Ortschaften,
die von keinem Busverkehr abgedeckt werden.
Bis 1986 herrschte im ostafrikanischen Uganda ein langjähriger und grausamer Bürgerkrieg. Verwaltung, Wirtschaft wie auch das Verkehrs- und Transportwesen waren fast vollständig zum Erliegen gekommen. Im Rahmen eines erfolgreichen Wiederaufbaus floss viel Geld, auch internationale Hilfe und Kredite, in die Verkehrsinfrastruktur, vor allem um die grösseren Städte mit Asphaltstrassen zu verbinden. Unabhängig davon und ohne staatliche Unterstützung hat sich die ugandische Bevölkerung für das Fahrrad als Nahverkehrs- und Transportmittel entschieden. Die Zahl der Fahrräder ist in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen, sie übertrifft diejenige aller Nachbarländer bei weitem. Und es ist erstaunlich, was hier alles auf ein Fahrrad passt bzw. damit transportiert wird: zehn Schaumstoffmatratzen oder ein anderthalb Meter hoher Stapel mit Zeitungen, zwei Zentner Kochbananen vom Feld zum Markt oder 60 Liter Wasser von der Quelle zum Haus sind keine Ausnahme.
Die boda-boda Berufsfahrer haben ihren Namen vom englischen "border" (Grenze). Diebe und Schmuggler waren die Ersten, die in den 70er Jahren das Rad als ideales Fahrzeug entdeckten, um ihre Waren wie auch Personen über die kenianisch-ugandische Grenze zu bringen. Eine legale Einsatzmöglichkeit fanden sie später an den zwei offiziellen Grenzübergängen in Busia und Malaba. Reisende und ihr Gepäck werden durchs Niemandsland une eineinhalb Kilometer von der Zollstation hin zur Taxi- und Bushaltestelle "gebordert". Ausgehend von hier haben sich seit Mitte der 80er Jahre bis heute die Radtaxis in allen ugandischen Städten und grösseren Ortschaften ausgebreitet.
In der 100 00 Einwohner Stadt Jinjastehen die Fahrradtaxis an jeder Strassenecke einsatzbereit. Die Zahl der offiziell zugelassenen und mit Nummernschild versehenen Personenkuriere wurde auf 2000 begrenzt. Um schwarze Schafe auszuschliessen, war eine amtliche Registrierung notwendig geworden. Zu sehr hatten sich Klagen über gefährliches Fahren, Trunkenheit und Belästigung weiblicher Fahrgäste gehäuft. Die Polizei steht dem boda-boda-Boom skeptisch gegenüber. "Es sind einfach zuviele", heisst es im städtischen Hauptquartier. Fast täglich werden boda-boda wegen "rücksichtslosem Fahren" festgenommen und im Schnellverfahren zu einer Geldstrafe von 8 Mark oder mehr verurteilt. Von Seiten der Stadtverwaltung werden hingegen die bedeutende Rolle der Radtaxis und ihre Verdienste um den innerstädtischen Waren- und Personentransport hervorgehoben. Die Vergabe der Lizensen stellt eine zusätzliche willkommene Einnahme für die Stadtkasse dar.
Weltweit hat sich innerhalb des letzten Vierteljahrhunderts die jährliche Fahrradproduktion von 25 Millionen Stück auf 100 Millionen vervierfacht. In den sogenannten Entwicklungsländern stellt das Velo in zunehmendem Mass seine Leistungsfähigkeit als Arbeits- und Transportgerät unter Beweis. Für die Bevölkerung in den armen Ländern ist das Rad keineswegs eine Alternative zum motorisierten Verkehr und Transport. Der ist sowieso nur für eine Minderheit erschwinglich und regelmässig verfügbar. Das Fahrrad ermöglicht hier die Überwindung von Strecken, die ansonsten gelaufen werden müssen, und es erleichtert den Transport von Lasten, die sonst getragen werden müssen. Bekannt sind die Bilder von afrikanischen Frauen, die enorme Mengen von Feuerholz, Nahrungsmittel und Trinkwasser über Kilometer auf dem Kopf transportieren.
In Uganda arbeiten die wohl tapfersten boda-boda im Umkreis der drittgrössten Stadt Mbale. Schlechte Strassen und eine hügelige Landschaft sorgen dafür, dass sich nur harte und zähe Jungs im Geschäft bewähren. Für Beträge zwischen 0,80 und 3,50 DM werden die Passagiere von der Innenstadt bis zu 20 km in die Dörfer gebracht. Rucksacktouristen sind als Kunden nur dann gern gesehen, wenn sie bereit sind einen zweiten boda-boda für das Gepäck zu bezahlen.
Die Kleinstadt Kumi 50 km weiter war lange Jahre bevorzugter Ausgangspunkt für Rebellenaktivitäten. Inzwischen sind viele junge Männer zur Einsicht gekommen, dass unter ökonomischen Gesichtspunkten Radtaxidienste eine stetigere und risikoärmere Einkommensquelle darstellen als gelgentliche Überfälle auf durchfahrende Busse und Lkws. Die boda-boda stehen hier in direktem Wettbewerb zu den Autotaxis. 2,80 DM das Autotaxi, 2,10 DM verlangen die boda-boda für die Fahrt in ein elf Kilometer entferntes Dorf.
In den nordugandischen Städten Lira, Arua und Soroti ist eine wahre "boda-boda-Euphorie" ausgebrochen. Auf den innerstädtischen Strassen und Wegen wimmelt es nur so von Fahrrädern. Doch nicht jeder Radler ist auch Fahrradeigentümer: Reiche Geschäftsleute stellen die Velos zur Verfügung und kassieren von den boda-boda dafür einen Teil des Gewinns ein.
Allein in der Hauptstadt Kampala breiten sich die Fahrradtaxis nur zaghaft aus. Die Lage auf sieben steilen Hügeln, ein überhand nehmender Autoverkehr sowie ein gut funktionierendes Kleinbustaxisystem lassen den boda-boda nur in einigen Aussenbezirken eine Chance.. Zu einer Organisation zusammengeschlossen haben sich neuerdings die "Kampala Cyclist Meat Transporters". Ihre Hauptaktivität: Fleisch aus den Schlachthöfen in die Metzgereien und Hotels in und um Kampala zu bringen.
Wer unserer Autogesellschaft kritisch gegenübersteht, das ganze Jahr das Fahrrad benutzt, es aber nicht lassen kann, in die "schönste Zeit des Jahres" zu fliegen, der/die buche einen Flug nach Nairobi/Kenya und setze die Reise mit dem Zug durch das ostafrikanische Riftvalley nach Uganda fort. Er/sie kaufe sich möglichst bald eines der üblichen schwerfälligen, aber soliden Räder, z.B. im von Waisenjungs betriebenen St. Moses Children Care Centre Bike Workshop bei Jinja für 150 - 160 DM. Es erwarten ihn/sie Touren durch herrliche Landschaften in einem inzwischen friedlichen Land sowie zahlreiche Wettkämpfe mit boda-boda, die unbedingt wissen wollen, wie gut der Weisse auf dem Fahrrad ist.
Diese Einladung zum entwicklungs- und verkehrspolitischen Nachhilfeunterricht in Afrika ergeht insbesondere an die Verkehrsdezernenten und die für Stadtplanung zuständigen Beamten deutscher Grossstädte. Wem gebührt die Ehre, als Erster das Zu-zweit-Fahrverbot einzuschränken, neben dem traditionellen Autotaxistand am Hauptbahnhof einen Radtaxistand einzurichten und mit einem kleinen Zuschuss aus dem Verkehrsetat zu ermöglichen, dass es auch bei uns heissen kann "boda-boda Fahrradtaxi - 1 km = 2,50 Mark"?
first published in "Der Fahrradkalender"
Verlag "Die Werkstatt", Göttingen, no rights reserved
h.schindler